Dancker der Optiker
Wie man einer Institution neue Räume gibt
Wer in Bonn eine Brille brauchte, bekam lange Zeit oft dieselbe Antwort:
„Mer jonn bei de Dancker.“
Seit 1883 gehört Dancker der Optiker zur Stadt. Generationen von Bonnern haben hier ihre Brillen gekauft, anpassen oder reparieren lassen. Als Bonn noch Bundeshauptstadt war, gingen Politiker, Diplomaten und internationale Gäste in die Sternstraße. Konrad Adenauer gehörte ebenso zu den Kunden wie Haile Selassie oder der Dalai Lama.
Als wir 2007 mit der Neugestaltung beauftragt wurden, bestand die eigentliche Herausforderung deshalb nicht darin, ein Optikergeschäft neu einzurichten.
Die Aufgabe bestand darin, die Identität dieses Hauses zu bewahren und die Qualitäten, für die Dancker seit Generationen geschätzt wird, räumlich erlebbar und nutzbar zu machen.
Dancker lebte nie von modischen Trends. Die Stärke des Hauses lag in der persönlichen Beratung, der handwerklichen Kompetenz der eigenen Werkstatt und den gewachsenen Beziehungen zu seinen Kunden. Diese Werte hatten sich über mehr als ein Jahrhundert entwickelt. Die neuen Räume sollten sie nicht ersetzen, sondern unterstützen.
Das Gebäude selbst stellte dafür einige Herausforderungen bereit. Über Jahrzehnte war das Geschäft immer weiter gewachsen. Aus mehreren Einheiten war ein ungewöhnlich tiefer Grundriss entstanden. Unterschiedliche Deckenhöhen, Unterzüge und die große Entfernung zur rückwärtigen Fassade erschwerten die Orientierung. Gleichzeitig bot gerade diese Tiefe die Möglichkeit, die unterschiedlichen Bereiche des Hauses klar zu organisieren.
Die Fußgängerzone vor der Tür ist lebendig und voller Bewegung. Ein gutes Beratungsgespräch braucht dagegen Ruhe, Konzentration und Zeit. Aus diesem Gegensatz entwickelte sich die Grundidee des Entwurfs.
Der Weg durch das Geschäft wird zu einer räumlichen Abfolge unterschiedlicher Situationen.
Unmittelbar hinter dem Eingang empfängt eine fast zwanzig Meter lange orangefarbene Wand die Besucher. Sie präsentiert Brillen, bietet Stauraum und verbindet die unterschiedlichen Bereiche des Hauses zu einem zusammenhängenden Ganzen. Gleichzeitig übernimmt sie die Aufgabe eines Orientierungssystems und begleitet die Kunden durch nahezu die gesamte Tiefe des Geschäfts.
Je weiter man sich in das Haus hinein bewegt, desto ruhiger wird die Atmosphäre. Auf die Präsentation folgt die Beratung. Auf die offene Verkaufsfläche folgen Bereiche für intensivere Gespräche. Werkstatt und Servicebereiche bilden schließlich den Abschluss dieser Abfolge.
Dabei interessierte uns weniger die Inszenierung von Produkten als die Unterstützung der Arbeitsweise dieses Hauses.
Die Einrichtung sollte den Mitarbeitern die tägliche Arbeit erleichtern, den Kunden Orientierung geben und die Qualität der Beratung unterstützen. Die Räume sollten ermöglichen, was Dancker seit Generationen auszeichnet: Zeit für den Kunden, persönliche Beratung und handwerkliche Kompetenz.
Die Werkstatt wurde bewusst sichtbar in das Gesamtkonzept eingebunden. Hier zeigt sich, dass Dancker nicht nur Verkaufsraum, sondern zugleich Handwerksbetrieb ist. Beratung, Anpassung und handwerkliche Arbeit stehen in direktem Zusammenhang und werden für die Kunden erlebbar.
Ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes war deshalb auch die Geschichte des Hauses selbst. Historische Fotografien, Dokumente und Erinnerungsstücke begleiten die Besucher durch das Geschäft. Sie erzählen von vier Generationen Familiengeschichte, vom Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und von der Entwicklung eines Unternehmens, das längst Teil der Bonner Stadtgeschichte geworden ist. Auch ein Scheck von Konrad Adenauer findet hier seinen Platz.
Die Geschichte wird dabei nicht museal präsentiert. Sie ist Teil des Geschäftes und Teil der Identität des Hauses.
Die Einrichtung wird heute noch nahezu unverändert genutzt. Fast zwei Jahrzehnte nach dem Umbau arbeitet Dancker der Optiker noch immer in denselben Räumen. Die orange Brillenwand begleitet die Kunden weiterhin durch das Geschäft. Die Beratungsbereiche befinden sich an denselben Stellen. Die Werkstatt arbeitet unverändert im hinteren Bereich des Hauses.
Die Aufgabe bestand darin, die Identität dieses Hauses räumlich erlebbar und nutzbar zu machen. Die heutige Nutzung zeigt, dass die damals entwickelten Räume diese Aufgabe bis heute erfüllen.
Weiterführende Informationen
Projektdaten
- Projekt: Dancker der Optiker
- Ort: Bonn
- Adresse: Sternstraße 24–26, 53111 Bonn
- Fertigstellung: 2007
- Bauherr: Dancker der Optiker GmbH & Co. KG
- Ansprechpartner: Ludwig Giesecke-Dancker
- Leistungen: Innenarchitektur, Ladenbau
- Besonderheiten: 20 Meter lange Brillenwand, integrierte Werkstatt, Zeitstrahl zur Unternehmensgeschichte, Einzelberatungsplätze
Identität kann man nicht gestalten.
Man kann ihr nur die passenden Räume geben.
Wenn Sie über Ihr eigenes Projekt sprechen möchten, freuen wir uns auf ein Gespräch.
Telefon: 02151 736005
E-Mail: info@buerger-architektur.de