Engel-Apotheke

Freiburg, 2011

Als wir Dr. Egbert Meyer-Buchtela zum ersten Mal in Freiburg besuchten, dachten wir auf der Rückfahrt, dass aus diesem Termin vermutlich kein Auftrag werden würde.

Die Engel-Apotheke hatte damals eine deutlich in die Jahre gekommene Einrichtung aus den 70ern. Braun, Grün und Orange bestimmten das Bild. Der Nadelfilzboden in der Offizin war durchgelaufen, die Einrichtung vollgestellt, der Handverkaufstisch provisorisch abgestützt. Im Büro schien die Zeit endgültig stehen geblieben zu sein.

Und doch passte dieses Bild überhaupt nicht zu dem Apotheker, den wir dort kennengelernt hatten.

Dr. Meyer-Buchtela war kein Apotheker, der einfach Packungen über den HV-Tisch reicht. Er war ein Beratungsapotheker durch und durch. Im Keller betrieb er mehrere Labore, beschäftigte sich mit Traditioneller Chinesischer Medizin, Spagyrik, Nosoden, Eigenherstellungen und Regulationspharmazie. Seine Apotheke hatte fachlich längst ein eigenes Profil. Nur der Raum erzählte davon nichts.

Einige Monate später meldete er sich wieder. Er wollte sich verändern. Er wollte wachsen. Er wollte raus aus dieser Rumpelbude. Viel Geld war nicht da, aber dafür ein Bauherr, der genau wusste, dass seine Apotheke anders werden musste.

Zunächst entstand eine klassische Planung: Kunde, HV-Tisch, Apotheker, Sichtwahl. Funktional wäre das gegangen. Aber je länger wir uns mit Dr. Meyer-Buchtela und seiner Arbeitsweise beschäftigten, desto unzufriedener wurden wir mit diesem Entwurf.

Aus diesem Bauchgefühl heraus entstand eine zweite Idee. Dafür brauchte man Mut, weil sie die klassische Ordnung einer Apotheke auflöste. Nicht mehr Kunde hier, Apotheker dort, dazwischen ein großer Tisch und dahinter die Sichtwahl. Stattdessen rückten Beratung, Sichtwahl und pharmazeutische Arbeit unmittelbar zusammen.

Der entscheidende Gedanke war die gläserne Sichtwahl.

Sie ist keine geschlossene Warenwand, sondern eine lange Vitrine mit Glasschiebetüren. Der Kunde kann die Produkte sehen, aber nicht in die Sichtwahl greifen. Genau dadurch konnten die Handverkaufstische direkt an die Sichtwahl andocken. Apotheker und Kunde begegnen sich nicht mehr über einen großen Tresen hinweg, sondern unmittelbar am Beratungsplatz.

Für die kleine Offizin war das entscheidend. In einer klassischen Anordnung hätte es zwei Verkehrsflächen gegeben: eine vor dem HV-Tisch für die Kunden und eine dahinter für das Apothekenteam. Durch die neue Lösung wurde diese zweite Verkehrsfläche eingespart. Der Raum wurde nicht größer, aber er konnte endlich vollständig genutzt werden.

Hinter der gläsernen Sichtwahl liegen die Arbeitsplätze. Von dort aus bleibt der Verkaufsraum jederzeit im Blick. Gleichzeitig blicken die Kunden hinter die Kulissen. In derselben gläsernen Flucht steht die Rezeptur direkt im Schaufenster. Was in vielen Apotheken verborgen bleibt, wird hier sichtbar: Herstellung, Beratung und pharmazeutische Kompetenz.

Auch die Sichtwahl selbst wird nicht klassisch bestückt. Dr. Meyer-Buchtela nutzt sie entsprechend seinen Schwerpunkten. Sie zeigt nicht einfach Standardware, sondern das, was seine Apotheke besonders macht.

Auf der gegenüberliegenden Seite entstand die Freiwahl. Zarte Blautöne, Glas und helles Eschenholz geben dem kleinen Raum etwas Leichtes, fast Ätherisches. Der Name Engel-Apotheke wird nicht illustriert. Es gibt keine Flügel, keine Wolken, keinen Kitsch. Stattdessen entstand eine Material- und Farbwelt, die Offenheit, Ruhe und Leichtigkeit vermittelt.

Der Muschelkalkboden erdet diese Leichtigkeit. Er gibt dem Raum Gewicht und Wertigkeit, ohne ihn schwer zu machen.

Die schräge Freiwahl ordnet den kleinen Raum und nimmt zugleich den Beratungsraum auf. Vor ihr liegt ein zusätzlicher Schnell-HV. Auch hier geht es nicht um ein Möbel, sondern um kurze Wege, klare Abläufe und die Möglichkeit, Kunden je nach Situation unterschiedlich nah zu beraten.

Im Durchgang zu den hinteren Arbeitsbereichen befinden sich die Schubsäulen.

Ein besonderer Wunsch des Apothekers war die Lakritz-Selbstbedienung. Auch daraus wurde kein dekoratives Gimmick, sondern ein präzise durchgearbeitetes Möbel mit integrierter SB-Waage, Vorratsflächen, Tüten, Schaufeln, Fruchtschnitten und einem Wasserspender. Solche Details zeigen, wie sehr diese Apotheke aus der Arbeitsweise ihres Inhabers entwickelt wurde.

Später erzählte uns Dr. Meyer-Buchtela, dass er eine ganze Schublade voller Planungen einschlägiger Apothekeneinrichter besessen habe. In keiner davon habe er sich wiedergefunden. Erst dieses zweite Konzept zeigte ihm die Apotheke, die zu seiner Arbeit passte.

Nach dem Umbau veränderte sich die Situation grundlegend. Vorher hatte er darüber nachgedacht, Personal zu entlassen. Nachher entwickelte sich die Apotheke so gut, dass zusätzliche approbierte Apotheker eingestellt werden mussten. Wenig später wurde die Engel-Apotheke für ihre Beratungsqualität mit dem ApothekenSiegel ausgezeichnet.

Der Umbau der Engel-Apotheke war deshalb keine bloße Modernisierung. Er gab einem außergewöhnlichen Apotheker den Raum, den seine Arbeit längst gebraucht hatte.


Weiterführende Informationen

Projektdaten

  • Projekt: Engel-Apotheke Freiburg
  • Ort: Herrenstraße 5, 79098 Freiburg
  • Bauherr: Dr. Egbert Meyer-Buchtela
  • Fertigstellung: 2011
  • Gesamtfläche EG: 117 m²
  • Offizin: 37 m²
  • Design: Klaus Bürger
  • Auszeichnung: ApothekenSiegel für Beratungsqualität

Wir planen keine Apotheken. Wir entwickeln Unikate.

Jedes Projekt hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Anforderungen und seine eigene Persönlichkeit. Deshalb glauben wir nicht an Standardlösungen.

Wenn Sie über Ihr eigenes Projekt sprechen möchten, freuen wir uns auf ein Gespräch.

Telefon: 02151 736005

E-Mail: k.buerger@k-buerger.de